JORINDE VOIGT - GEFALTETE ZEIT

Eine Installation von Jorinde Voigt
für das Grande Entrée von Freshfields Frankfurt

Alles bewegt sich hier zwischen Himmel und Erde: Körper und Material, Farbe und Bewegung, Denken und Körper. Die Welt in ihren Aggregatzuständen. Eine Affirmation der Allgegenwärtigkeit des Lebendigen. Gegenwart als universelles Prinzip von Zeit und Raum.

Zwischen diesen Elementen hat Jorinde Voigt ein raumumfassendes Auftragswerk für das Grand Entrée von Freshfields Frankfurt geschaffen. Barock und minimalistisch, konkav wie konvex. So zart wie ein Kieselwurf auf die Wasseroberfläche, dessen Mäander und kleine Wellen sich endlos fortsetzen – Rundungen wie in der Seele. Und zugleich mit der Wucht einer furchtlosen Konzeptkünstlerin, die den Eingangsbereich eines Hochhauses in eine geistig wie skulptural grandiose Landschaft verwandelt. Das Werk verkörpert die Leibniz’sche Idee einer Analogie zwischen den Faltungen der Materie und jenen der Empfindung. Ein Foyer als unendliche Variation von Faltungen und Entfaltungen, Rundungen, Biegungen, Kurven – Spiegelungen der Zeit und des Gemüts.

In Frankfurts Himmelsnähe ist ein Gesamtkunstwerk entstanden, das Skulptur, Malerei, Zeichnung, Mobiliar und Architektur vereint. Es entspricht ihrem multimedialen Œuvre und fließt hier erstmals in einen einzigen Raum. Auch die Einheit der Künste ist eine Formulierung des Barock. Form ist Funktion und Funktion ist Form, unnachgiebig gleichberechtigt. Kein Medium erhält Vorrang; alles verschmilzt zu einem Ganzen, Teil eines Universums, in dem Natur und Mensch einander bedingen und durch Kommunikation verbunden sind. Jede Biegung und Kurve der Werke, die diesen Raum erfüllen, ist eine Schwingung, Musik. Überhaupt entspringt Voigts Kunst einem musikalischen Verständnis der Welt und äussert sich als Partitur angelegtes Werk.

In ihren frühen Zeichnungen, den „Notationen“, entwickelte sie Bildräume und eigene Codes, in denen sie die Welt in einem zeichnerisch-philosophischen Prozess auffächerte – mit allen ihr zugrunde liegenden Bedingungen wie Distanz, Geschwindigkeit, Himmelsrichtung, Frequenz, Klang, Rotation, Temperatur und mehr – und deren Gleichzeitigkeit offenbarte. Jorinde Voigt ist in ihrem Ursprung performative Zeichnerin. Die Linie ist ihre natürlichste Form, ein Verlangen. „Kaum gibt es eine authentischere, unmittelbarere Form als die handgezogene Linie.“ (Jorinde Voigt) Ihr Kunstverständnis ist leonardesk: Ohne die detaillierten Körperstudien des Renaissancekünstlers wäre seine Malerei undenkbar. Was in Frankfurt als Falte gilt, ist im Kern eine gestauchte Linie aus der Vogelperspektive, die ins Unendliche weist. Jeder Punkt auf der Linie enthält Information; durch die Faltung der Linie entstehen neue Nachbarschaften der Information. Rundungen speichern Zeit. Falten sind Reichtum, Archiv der Zeit und Verdichtung der Gegenwart. Der Barock definierte die Falte als Falte ins Unendliche: Sie legt sich zwischen Körper und Raum, verbirgt und enthüllt zugleich – die Nacktheit, das Verborgene, das Innere. Wie in Berninis „Ekstase der heiligen Theresa“.

„Ich bin das, auf was ich schaue.“

Das „Jorinde-Voigt-Prinzip“, die Genese ihres Schaffens, ist die Verortung ihres eigenen Seins aus der Anschauung heraus. Dieses Prinzip liegt zwischen den klassischen, neuplatonischen Renaissancebegriffen, die den freien Künstler definieren. Galt dort die unsichtbare idea als Urform und das disegno als Sichtbarmachung der Idee, dreht Jorinde Voigt den Prozess um: Aus künstlerisch-körperlicher Erprobung entsteht das disegno und führt hin zur idea, dem Konzept. Voigt durchdringt Phänomene, um sie sich selbst erklärlich zu machen und Erkenntnis zu gewinnen. Ihr Umgang mit Material ist stets an Körpermaß und Bewegung gebunden. Ein Schwung reicht nur so weit wie der Arm; ihre Geste auf dem Gerüst bestimmt den Radius beim Malen des Wandbildes Kontinuum für dieses Entrée. Über zwei Jahre hinweg hat die Künstlerin mit einem Personal Trainer gearbeitet, um ihrem Wunsch nahezukommen, eine unendliche Linie zeichnen zu können, ohne die Bewegung unterbrechen zu müssen.

Dem Auftragswerk ging eine intensive Naturbetrachtung voraus: der Himmelstöne, der Wolkenbewegungen, des Flusses, der Gesteine der Region, der Materien und Farbnuancen. Oft aus der Vorstellung und Erfahrung dessen, was der Mensch im 29. oder 30. Stock des Tower 1 im FOUR erblickt. Stadtansichten. Aus dieser Vielfalt gewinnt die Künstlerin ein Farbspektrum, das die Töne ihrer Werke bestimmt: vom Zartrosa der Aurora über das Silber des Wellenschaums bis zu den Grünblautönen der Wassertiefe und dem apollinischen Gold des Lichts.

Eternità
(italienisch; zu Deutsch: „Ewigkeit“) bezeichnet einen Zustand oder eine Zeit ohne Ende.

Aus den Beobachtungen der Wellenbewegungen leitet Voigt abstrakte Formen für Skulptur, Wandbild und skulpturales Mobiliar ab. Der Skulptur gingen unzählige Papierstudien mit weichen, V-förmigen Wellenbiegungen voraus, die ineinander verschlungen wurden, bis sie zur endgültigen Gestalt von Eternità führten. Durch diese kontinuierliche Arbeit sind Körperbewegung und Zeit von Beginn an eingeschrieben. Das Verfahren folgt dem Prinzip unendlicher Variation, wie man es aus der Zwölftonmusik kennt. Eternità – die monumental-leichte Plastik aus feinem Metall – schwebt über dem Empfangstresen. Sie ist eine von vielen möglichen Varianten und zugleich fest im Raum des Alltags verankert. Sozial, environmental. Sie schwebt wie eine Tänzerin vor der Stadt als Bühnenbild und unmittelbar vor dem Betrachter und zieht ihn in die Performance.

Kontinuum

Der Skulptur gegenüber entfaltet sich am anderen Ende das monumentale, wandfüllende Werk Kontinuum, in situ geschaffen. Wasserfalten erscheinen als Schwingungen in Öl-Wachskreide, Tiefen aus reinem Pigment und Erhöhungen aus Blattgold. Zeichnung und Malerei verschmelzen, Architektur und Kunst verbinden sich zu einem Faltenfluss, der den Raum zusammenhält.

„Eine rhythmische, performative Notation auf der Wand, ohne vorherige Skizze. Durch das Ineinander- und Übereinanderschreiben entstehen Interferenzen. Die Bewegungsabläufe beim Zeichnen entwickeln ihre Dynamik aus den Erfahrungen der Beobachtung des Wassers und des Himmels und denen aus der Entwicklung der Notation. In der performativen Notation verschmelzen alle Ausgangspunkte, Themen und Gegebenheiten zu einem eigenständigen Hybrid, hochkomplex und im Wesen unendlich fortführbar.“ (Jorinde Voigt)

Für den Bereich zwischen Skulptur und Wandbild entwirft Voigt funktionale Möbel – Bar, Tresen, Sofa – als nutzbare, zugleich genussvolle Skulpturen. In Fortführung ihrer jüngsten Skulpturenserie, der Dyaden, begegnen sich auch hier zwei Formen, diesmal aus unterschiedlichem Material: eine gebogene, hauchdünne Platte aus rosa Quarzit korrespondierend mit dem Rosa der Eternità, getragen vom silberspiegelnden Faltenwurf aus poliertem Edelstahl. Altäre, unendlich verführerisch, sinnlich. Die Spiegel saugen alles im Raum auf und geben es potenziert zurück. Ein Prisma.

Aus der Vogelperspektive erinnern die Steinplatten an Hybride aus Flussläufen, Wetter, Wasserströmungen, Wind, über Jahrhunderte vom Wasser abgeschliffene Steine einer Furt; all die Dynamiken, die vorher von Jorinde Voigt studiert wurden. Der Faltenwurf entspringt der geschwungenen Linie, in die Vertikale gezogen entsteht dreidimensionaler Raum.

Fibonacci – Sofa

Alles im Entrée findet seinen Zusammenhalt durch die Eleganz des dunkelblauen Samt- sofas – eine modulare Architektur in sich und Ausdruck einer großen Geste der Gastfreundschaft. Spielerisch auffächerbar, kann es den Raum als Ganzes oder in Teilen besetzen. Haptisch unwiderstehlich: doughnut-förmige Halbkreise, die sich – geometrisch direkt aus der Fibonacci-Reihe entwickelt – endlos fortsetzen und neu formieren. Alle Linien führen ins Firmament: der Mensch im Fluss der Wahrnehmung, die künstlerische Größe in Bewegung.

 

Gefaltete Zeit ist ein Auftragswerk von Freshfields Frankfurt.
Kuratiert von der Euphoria Gesellschaft für Kunst im urbanen Raum mbH in Zusammenarbeit mit den Architekten beye scheid guderle eckerth.

 

Jorinde Voigt (*1977 in Frankfurt am Main) ist eine multidisziplinäre bildende Künstlerin mit Sitz in Berlin. Von 2014 bis 2019 war sie Professorin an der Akademie der Bildenden Künste München, seit 2019 lehrt sie als Professorin für Konzeptionelles Zeichnen und Malerei an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.

Einzelausstellungen ihrer Arbeiten wurden unter anderem vom Kunsthistorischen Museum Wien (2020); BOZAR, Brüssel (2020); The Menil Collection, Houston (2019); Horst-Janssen- Museum, Oldenburg (2019); Kunsthalle Nürnberg (2017); Hamburger Bahnhof, Berlin (2016); Kunsthalle Krems (2015); MACRO, Rom (2014); Langen Foundation, Neuss (2013); Gemeente- museum Den Haag (2010); Moody Center for the Arts, Houston (2022) präsentiert.

Ihre Arbeiten sind in zahlreichen renommierten öffentlichen Sammlungen vertreten, darunter MoMA New York, Centre Pompidou Paris, Art Institute of Chicago, Pinakothek der Moderne München, Kunsthaus Zürich, Istanbul Modern, Kupferstichkabinett Berlin, Kunsthalle Praha u. a.

GEFALTETE ZEIT
Künstlerin: JORINDE VOIGT.
Dauer: 2025
Grafik: Bureau Sandra Doeller
Konzeption und Realisation: EUPHORIA team
Ort: Grand Entrée – Freshfields Frankfurt

https://www.freshfields.com/